Anorektaler Abszess und Perianalfistel
Der anorektale Abszess und die Perianalfistel sind zwei schwerwiegende Gesundheitsprobleme, die sich um den After herum entwickeln, entzündlich sind und oft eine Fortsetzung voneinander darstellen. Diese Erkrankungen verlaufen mit Schmerzen, Ausfluss und einer deutlichen Verschlechterung der Lebensqualität. Unbehandelt können wiederkehrende Entzündungen, Komplikationen und komplexere chirurgische Erfordernisse auftreten. Mit früher Diagnose und angemessener chirurgischer Behandlung können diese Erkrankungen weitgehend unter Kontrolle gebracht werden.
Was ist ein anorektaler Abszess?
Ein anorektaler Abszess ist eine entzündliche, eiterhaltige Sackstruktur, die sich in den Geweben um den After entwickelt. Er entsteht in der Regel durch Verstopfung und Infektion der Drüsen im Analkanal. Er verläuft mit akutem Krankheitsbild und erfordert ein schnelles Eingreifen.
Arten von Abszessen
Es gibt verschiedene Arten je nach Lokalisation:
- Perianalabszess: Subkutan im Bereich um den After, häufigster Typ
- Ischiorektaler Abszess: An der Seitenwand des Afters, tiefer gelegen
- Intersphinkterer Abszess: Zwischen dem inneren und äußeren Schließmuskel
- Supralevatorischer Abszess: Tiefste Lage, oberhalb des Levatormuskels
Was ist eine Perianalfistel?
Eine Perianalfistel ist eine abnormale Kanalstruktur, die sich zwischen dem Analkanal und der Haut um den After bildet. Sie entwickelt sich in der Regel nach der Drainage eines anorektalen Abszesses oder als Fortsetzung einer chronischen Infektion.
Fisteltypen (Parks-Klassifikation)
- Intersphinktäre Fistel: Häufigster Typ (70 %), durchquert den inneren Schließmuskel
- Transsphinktäre Fistel: Betrifft beide Schließmuskeln
- Suprasphinktäre Fistel: Verläuft oberhalb der Schließmuskeln
- Extrasphinktäre Fistel: Umschließt die Schließmuskeln von außen, am seltensten
Einfache und komplexe Fisteln
- Einfache Fistel: Einzelner Kanal, geringe Beteiligung des Schließmuskels
- Komplexe Fistel: Mehrere Kanäle, breite Beteiligung des Schließmuskels, rezidivierend
Ursachen für anorektalen Abszess und Fistel
Hauptursachen
- Verstopfung und Infektion der Analdrüsen (häufigste Ursache, 90 %)
- Sexuell übertragbare Infektionen
- Entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
- Tuberkulose
- Tumore
- Nach Trauma oder Operation
Risikofaktoren
- Entzündliche Darmerkrankungen
- Diabetes
- Schwäche des Immunsystems (HIV, Chemotherapie)
- Chronische Verstopfung oder Durchfall
- Analer Geschlechtsverkehr
- Männliches Geschlecht (3-4 Mal häufiger)
- Alter zwischen 20-50 Jahren
- Familiäre Vorgeschichte
- Rauchen
Symptome
Symptome eines anorektalen Abszesses
- Starke, pochende Schmerzen um den After
- Schmerzen, die beim Sitzen, Bewegen und Stuhlgang zunehmen
- Schwellung, Rötung und Wärme im Bereich
- Fieber und Schüttelfrost
- Schwäche und allgemeines Unbehagen
- Schwierigkeiten beim Wasserlassen (bei tiefen Abszessen)
- Verstopfung (aufgrund der Schmerzen)
- Spontaner Eiteraustritt in einigen Fällen
Symptome einer Perianalfistel
- Kontinuierlicher oder intermittierender Ausfluss um den After (Eiter, Blut oder klare Flüssigkeit)
- Übler Geruch
- Hautreizung und Juckreiz
- Intermittierende Schmerzanfälle
- Wiederkehrende Abszessbildung
- Kleine Öffnung auf der Haut (Fistelmund)
- Flecken auf der Unterwäsche
- Verhärtung oder Knoten um die Haut
Diagnoseverfahren
Körperliche Untersuchung
- Visuelle Untersuchung (Beurteilung der externen Fistelöffnung)
- Digitale rektale Untersuchung
- Regionale Schmerz-, Empfindlichkeits- und Temperaturkontrolle
Anoskopie und Rektoskopie
- Direkte Darstellung des Analkanals
- Erkennung der internen Fistelöffnung
- Bewertung begleitender Erkrankungen
Bildgebende Verfahren
Endoanaler Ultraschall
- Beurteilung der Schließmuskelstruktur
- Kartierung des Fistelkanals
- Lokalisierung des Abszesses
Becken-MRT
- Goldstandard bei komplexen Fisteln
- Detaillierte anatomische Kartierung
- Beurteilung der Schließmuskelbeteiligung
- Entscheidend für die OP-Planung
Fistulographie
- Darstellung der Fistelbahn mit Kontrastmittel
- Heutzutage weniger bevorzugt
Weitere Untersuchungen
- Bluttests (CRP, Blutbild)
- Wundkultur
- Koloskopie bei Morbus-Crohn-Verdacht
Behandlung des anorektalen Abszesses
Chirurgische Drainage (Notfall)
Die Grundlage der Behandlung des anorektalen Abszesses ist die notfallmäßige chirurgische Drainage:
- Antibiotikatherapie allein ist nicht ausreichend
- Durchgeführt unter Lokal- oder Vollnarkose
- Eiterhaltiger Inhalt wird mit einem kleinen Schnitt entleert
- Wunde wird zur sekundären Heilung offen gelassen
- Nach Drainage kann sich in 50 % der Fälle eine Fistel entwickeln
Antibiotikabehandlung
- Allein nicht ausreichend, wird unterstützend nach der Drainage verwendet
- Erforderlich bei diabetischen, immungeschwächten Patienten
- Breitspektrum-Antibiotika werden bevorzugt
Postoperative Pflege
- Warme Sitzbäder
- Wundverbände
- Schmerzkontrolle
- Stuhlweichmacher
Behandlung der Perianalfistel
Die Grundlage der Fistelbehandlung ist chirurgisch. Sie heilt nicht von selbst. Die Auswahl der Behandlung erfolgt nach der Komplexität der Fistel.
Fistulotomie (Spaltung)
- Älteste und wirksamste Methode
- Wird entlang des Fistelkanals aufgeschnitten
- Bei einfachen, oberflächlichen Fisteln bevorzugt
- Hohe Erfolgsrate (95 %)
- Risiko: Inkontinenz bei komplexen Fällen (Gas-/Stuhlinkontinenz)
Setonanlage
Eine Methode, die den Schließmuskel schont. Es gibt zwei Typen:
Lockeres (Drainage-) Seton
- Plastik- oder Silikonfaden wird durch die Fistel geführt
- Drainiert kontinuierlich den Ausfluss
- Kontrolliert die Entzündung
- Vorübergehende Lösung, dann definitive Behandlung
Schneidendes (Spann-) Seton
- Schneidet die Fistel allmählich durch langsames Anspannen des Fadens
- Reduziert das Inkontinenzrisiko durch langsames Durchtrennen des Schließmuskels
- Behandlung kann Monate dauern
Mukosa-Flap-Technik
- Die Fistelöffnung wird mit Analkanalmukosa unter Schonung des Schließmuskels verschlossen
- Bei komplexen und hohen Fisteln bevorzugt
- Erfolgsrate 60-80 %
LIFT-Technik (Ligation of Intersphincteric Fistula Tract)
- Die Fistel wird vom intersphinkteren Bereich aus ligiert und durchtrennt
- Moderne schließmuskelschonende Methode
- Erfolgsrate 60-90 %
- Niedriges Inkontinenzrisiko
Laserbehandlung (FiLaC)
Eine Laserfaser wird in den Fistelkanal eingeführt, um das Gewebe zu zerstören:
- Minimalinvasiv
- Schont den Schließmuskel
- Schnelle Heilung
- Erfolgsrate 60-75 %
- Wiederholbar
Fibrinkleber
- Biologischer Kleber wird in den Fistelkanal eingebracht
- Schließmuskelschonend
- Niedrige Erfolgsrate (30-50 %)
- Wird in der Regel mit zusätzlichen Methoden verwendet
Anal-Fistel-Plug
- Biologisches oder synthetisches Material wird in die Fistel eingelegt
- Schließmuskelschonend
- Mittlere Erfolgsrate (40-60 %)
VAAFT (Videoassistierte Anal-Fistel-Behandlung)
- Bildgebung und Behandlung von innen mit einem Endoskop
- Neueste minimalinvasive Methode
- Nützlich bei komplexen Fällen
Postoperativer Verlauf
Erste Tage
- Warme Sitzbäder (3-4 Mal täglich)
- Achten auf Wundsauberkeit
- Verwendung von Schmerzmitteln
- Verwendung von Stuhlweichmachern
Erste Woche
- Rückkehr zu leichten Aktivitäten
- Verbandswechsel
- Achten auf Hygiene
Erster Monat
- Sport nach 3-4 Wochen
- Sexualleben nach 2-3 Wochen
- Vollständige Heilung in 4-8 Wochen
- Regelmäßige Kontrollen sind wichtig
Mögliche Komplikationen
Chirurgische Komplikationen
- Blutungen
- Wundinfektion
- Inkontinenz (Gas- oder Stuhlinkontinenz) - Am meisten gefürchtete Komplikation
- Wunddehiszenz
- Analstenose (Verengung)
Späte Komplikationen
- Fistelrezidiv (Rezidivrate 10-30 %)
- Chronische Schmerzen
- Verzögerte Wundheilung
- Anale Sexualfunktionsstörung
Vorbeugung und Lebensstil
Ernährung
- Ballaststoffreiche Ernährung
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (2-2,5 Liter pro Tag)
- Regelmäßige Mahlzeiten
- Verstopfungsvermeidung
Hygiene
- Sauberhaltung des Analbereichs
- Sanfte Reinigung (Vermeidung reizender Produkte)
- Warme Sitzbäder (bei Symptomen)
- Verwendung von Baumwollunterwäsche
Lebensstil
- Raucherentwöhnung
- Gesunde Gewichtskontrolle
- Regelmäßige Bewegung
- Vermeidung längeren Sitzens
- Vorbeugung von Verstopfung
- Kontrolle begleitender Erkrankungen
FAQ
Nein. Ein anorektaler Abszess erfordert immer eine chirurgische Drainage. Antibiotika allein reichen nicht aus; sie werden nur unterstützend nach der Drainage oder bei Hochrisikopatienten eingesetzt. Eine verzögerte Drainage kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen.
Nein, aber das Risiko ist hoch. Nach der Drainage eines anorektalen Abszesses entwickelt sich in etwa 50 % der Fälle eine Fistel. Daher sollten Patienten auf Fistelentwicklung überwacht werden.
Dieses Risiko wurde mit modernen schließmuskelschonenden Techniken erheblich reduziert. Bei einfachen Fisteln ist eine Inkontinenz selten. Bei komplexen Fisteln steigt das Risiko, aber Techniken wie LIFT, Mukosa-Flap und Seton, die von erfahrenen Chirurgen angewendet werden, minimieren dieses Risiko.
Nein. Eine Perianalfistel heilt nicht von selbst, da sie eine permanente Kanalstruktur hat. Unbehandelt führt sie zu wiederkehrenden Entzündungen, Schmerzen und der Entwicklung komplexer Fisteln.
Es variiert je nach Art der Operation. Eine Rückkehr zur Arbeit ist innerhalb von 5-7 Tagen nach einfacher Fistulotomie und innerhalb von 2-3 Wochen bei komplexen Fällen möglich. Schreibtischarbeiter können früher zurückkehren, körperlich Tätige später.